Ein Moment Ewigkeit — Portraitplastiken von Sorina von Keyserling

Es war ein warmer, sonniger Tag im Mai, als ich jenes neu auserkorene, aufstrebende Berliner “Szene-Viertel” erkundete: Alt-Treptow. Gefühlt liegen da vielleicht noch ein paar Jahre zwischen Realität und Hype. Für den Moment lasse ich den Charme des Karl-Kunger-Kiezes auf mich wirken und schlendere vorbei an kleinen Cafés, Gemüsehändlern und Modeboutiquen.

Im Vorbeigehen erhascht mich aus dem Augenwinkel gerade noch der Blick eines kleinen Mädchens. Ich gehe ein paar Schritte zurück und betrachte eine ansonsten fast leere, abgehängte Schaufensterauslage. Die Arme vor der Brust verschränkt steht sie da – etwas schmollend, beobachtend, den Blick zur Strasse gerichtet. Das Schaufenster gehört zu Sorina von Keyserlings Atelier und zeigt zwei ihrer Portraitplastiken.

Ein paar Wochen später treffe ich Sorina dort. Mitten bei der Arbeit, zwischen “einem Kopf in der Form” und dem nächsten Termin erzählt sie mir ein wenig über ihre Kunst – ihre Plastiken – ihre Arbeit mit Menschen.

Sie erzählt mir, dass sie noch gar nicht lange hier in diesem Atelier ist, dass sie neuerdings eine Galerie-Vertretung hat und sie über ihre frühere Arbeit am Theater und Theaterplastiken zu dieser Kunstform gefunden hat.

Zwischendurch wandert mein Blick immer wieder durch den kleinen Raum. Die lebendige Präsenz der vielen Köpfe und Gesichter erfüllt ihn. Auf faszinierende Weise schafft es Sorina das Besondere und Einzigartige eines jeden Menschen in der Plastik zum Ausdruck kommen zu lassen.

…es gibt kein ausdrucksloses Gesicht…

 

Sie hat eine meisterhafte Begabung für die genaue Wahrnehmung und Wiedergabe feinster Mikro-Expressionen. Diese feine Mimik und die individuelle Gestik, die einen großen Anteil der Kommunikation ausmachen und die für jeden Menschen typisch sind, geben die Plastiken in eindrucksvoller Weise wieder.

sorina_7Wortlos vermitteln sie tiefe Einblicke in ihre menschlichen Abbilder und erzählen deren Geschichten. Da werden die vielen gesammelten Erfahrungen erkennbar, wenn es sich um ältere Menschen handelt. Wie zum Beispiel bei dem Herrn mit dem verschmitzten Lächeln. Die Jüngeren dürfen auch eben das noch sein – einfach nur Kinder, die noch im Moment leben und ihr Eis aufessen, bevor es in der Sonne schmilzt. In jedem Fall ist immer ein einzigartiger, gelebter Moment in den Plastiken erkennbar.

Später verrät Sorina mir, dass ihre Plastiken tatsächlich mit ihr sprechen und ihr antworten. Manchmal. Manchmal aber auch nicht. Welche es tun und was sie ihr sagen, hat sie mir nicht verraten.

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Sorina von Keyserling nimmt Auftragsarbeiten entgegen und gibt Kurse im Portraitmodellieren. Ihre Plastiken sind in der Galerie Kunst-Kontor, Potsdam zu sehen.
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Text: Martin Ganske, 12. September 2012